Sie befinden sich hier:  

International

IUFRO 2002

AktuellesUnser VereinBundesweitInternationalWir FrauenAnsprechpartner  KontaktImpressum
International

Gender-Forschung in der Forstwirtschaft

Treffen der IUFRO Arbeitsgruppe "Gender Research in Forestry" in Umeå, Schweden

von Sabine Greiner

Ende November 2001 in Umeå im nördlichen Schweden: 24 Frauen sind zu einem kombinierten Arbeitstreffen und Seminar angereist - Wissenschaftlerinnen aus verschiedenen Fachbereichen, Journalistinnen, Waldbesitzerinnen und Försterinnen. Zwei Themenbereiche sollen über Vorlesungen und in Arbeitsgruppen diskutiert werden.

  • Wie können wir Sozialwissenschaften in die forstliche Forschung einbringen?
  • Wie können wir Forschung in die Praxis bringen?

"Gender Perspektive - Warum und Wie?"

Gun Lidestav, Vorsitzende der Arbeitsgruppe und Forstwissenschaftlerin in Umeå, geht in ihrem Einführungsvortrag auf diese Frage ein.

Wenn wir davon ausgehen, daß sich Forstwirtschaft nicht nur um Bäume dreht, sondern vor allem um Handlungen, Vorstellungen und Beziehungen von Menschen, die Aufgaben und Tätigkeiten definieren, organisieren und ausführen, dann muß sich forstliche Forschung natürlich auch mit Menschen beschäftigen. Es geht dann um kulturelle Muster, soziale Regeln, Konventionen, Traditionen, Tabus usw., die letztendlich bestimmen, wie und durch wen forstwirtschaftliches Handeln stattfindet, wie Ressourcen, Profite und Erträge verteilt werden, ebenso aber auch Schäden und Verluste.

Um die Komplexität unseres Lebens bewältigen zu können, ordnen wir uns und andere in eine Vielzahl von Kategorien ein: Beruf, Nationalität, Konfession, Klasse, Rasse, Größe, Alter, Geschlecht etc. In einer ganz bestimmten Gesellschaft oder Kultur teilen die Menschen eine generelle gemeinsame Vorstellung davon, wie diese Klassifizierung stattfindet. Diese Vorstellungen können sich zwischen verschiedenen Zeiten oder von Gesellschaft zu Gesellschaft stark unterscheiden. Die einzigen universellen Prinzipien der Kategorisierung, die in allen Kulturen auftauchen, scheinen Alter und Geschlecht zu sein. Wie mit ihnen umgegangen wird, ist allerdings höchst unterschiedlich.

Genderforschung wird unabhängig vom Fachbereich erst seit etwa 30 Jahren ernsthaft betrieben. In der Forstwissenschaft gibt es empirische oder theoretische Arbeiten dazu erst seit sehr kurzer Zeit. Zum Teil kommen diese Arbeiten aus dem Bereich der Entwicklungszusammenarbeit, wo geschlechterspezifisch unterschiedliche Waldnutzungen und Zugang zu Ressourcen einen sehr direkten Bezug zum Überleben haben können. Häufig fehlen Basisdaten wie Anteil der Waldbesitzerinnen, Anzahl forstlich aktiver Frauen etc. Die Frage unterschiedlicher "forstlicher Sozialisierung" sollte untersucht werden. Natürlich kann die Relevanz einer Genderperspektive in Frage gestellt werden, wenn es um Forschung zur Holzdichte oder zum Zuwachs geht. Es könnten jedoch interessante Fragen auftauchen, sobald wir darüber nachdenken, wie diese Themen gelehrt werden, wie Forschungsfragen gestellt und bearbeitet werden, ob männliche und weibliche Wissenschaftler unterschiedlich arbeiten. Insgesamt werden wir hoffentlich unser Wissen über Forstwirtschaft und Geschlechterordnung erweitern, wenn wir die Genderperspektive in der Forschung anwenden.

Erfahrungen schwedischer und norwegischer Waldbesitzerinnen

Als erste Gastrednerin spricht Barbro Wåger darüber, wie eine Gendersicht auf Forstwirtschaft und Landbesitz zu erfolgreichen Kleinunternehmen und ländlicher Entwicklung beitragen kann. Der schwedische Waldbesitzerverband (LRF Skogsägarna) besteht aus sechs regionalen Verbänden unterschiedlicher Größe, die teilweise auch große Sägewerke und Papierfabriken besitzen. Barbro Wåger stellt das Netzwerk der Frauen innerhalb dieses Verbandes vor, das ebenfalls auf regionaler Ebene organisiert ist. Anfänglich konzentrierten sich die Aktivitäten der Frauen vor allem darauf, Waldbesitzerinnen überhaupt anzusprechen und auf Frauen zugeschnittene Aus- und Fortbildungsangebote für Waldbau und Waldarbeit anzubieten. Ganz wichtig ist die Suche nach Möglichkeiten geworden, sich Einkommen zu verschaffen, um auf dem Land wohnen bleiben zu können. Inzwischen arbeiten die Frauen daran, in den verschiedenen Vorständen und Ausschüssen entsprechend vertreten zu sein. Im Regionalverband Mellanskog, bei dem Barbro Vorsitzende des Frauennetzwerkes ist, haben die Frauen dafür eine Quote durchgesetzt. Die Quote wird heftig diskutiert, den einen ist sie mit fünfzehn Prozent gegenüber 37 % Waldbesitzerinnen zu niedrig, die anderen wollen gar keine Quote. Barbro vertritt die Auffassung, daß es leichter ist überhaupt Frauen zu finden die in solche Positionen wollen, wenn der Verband gezwungen ist, nach ihnen zu suchen.

Spillkråkan wurde 1998 als unabhängige Vereinigung von Waldbesitzerinnen in Stockholm gegründet, hat aber inzwischen landesweit lokale Gruppen. Sie will den Einfluß von Frauen auf die schwedische Forstwirtschaft verstärken, Können und Wissen über ökologische Waldbewirtschaftung erweitern und ein Frauennetzwerk für Bildung und Erfahrungsaustausch schaffen. Dazu bietet sie Exkursionen und Fortbildungskurse an und berät Waldbesitzerinnen zu allen Fragen von der Zertifizierung bis zu den Rechten und Pflichten von Waldbesitzerinnen. Sie beobachtet und verfolgt generell Waldfragen, um Unternehmen, Organisationen und Behörden so beeinflussen zu können, daß sie die Interessen von Waldbesitzerinnen besser wahrnehmen. So wird zum Beispiel bei Holzverkäufen nachgefragt, inwieweit die Aufkäuferfirmen "frauenzertifiziert" sind, d. h., ob Frauen in der Firma etwa entsprechend dem Anteil an Waldbesitzerinnen (37%) repräsentiert sind. Der Name Spillkråkan bedeutet übrigens Schwarzspecht. Weil dieser durch seinen Höhlenbau vielen anderen Tieren nutzt, ist er ein sehr intelligenter Vogel. Da die Frauen eine andere Sichtweise in die Waldwirtschaft einbringen wollen, die vielen nutzt, lautet das Motto der Organisation: Mehr Intelligenz in die Wälder - Spillkråkan.

Die Norwegerin Merete Furuberg - Waldbesitzerin, Forstwissenschaftlerin, Politikerin und Vorsitzende der IUFRO Arbeitsgruppe Gender and Forestry - ist aktiv bei Jenter i Skogbruket (Frauen in der Forstwirtschaft), eine inzwischen weit verbreitete und ausgesprochen aktive Organisation. Sie wurde 1986 von Frauen gegründet, als nach einer Rechtsänderung auch Frauen Wald erben konnten. Auch hier geht es darum, Frauen zu einer forstlichen Sozialisierung zu verhelfen und sie sichtbar zu machen. Merete erzählt, daß sie trotz ihrer Aktivitäten, trotz ihrer Sichtbarkeit im Forstbereich erst jetzt von der Forstkommission für würdig befunden wurde, als Vorstandsmitglied aufgestellt und gewählt zu werden. Frau könne also mit langen Wegen rechnen. Gute Erfahrungen wurden in Norwegen damit gemacht, Quoten zu bestimmen oder bestimmte Verhaltensweisen weniger zu fördern als andere. Als Beispiel nennt sie die Erfahrung, daß Männer mehr Elternzeit nehmen, wenn diese nur ab einem gewissen Zeitanteil des Mannes gefördert wird. Es ist also ganz wichtig, daß auch "von oben" klare Zeichen gesetzt werden.

Genderperspektiven in der Forschung

Sabine Bergstén ist Sozialwissenschaftlerin. Sie berichtet von ihren Erfahrungen aus einem Waldprojekt der Entwicklungszusammenarbeit in Afrika. Über kleine eigene Pflanzgärten und Kleinstaufforstungen wurde dort versucht, die Holzknappheit zu verringern und Einkommen zu schaffen. In ihrer Evaluierungsstudie zur Halbzeit des Projekts stellt Sabine fest, daß die geplanten Einkommen schaffenden Maßnahmen zwar für beide Geschlechter erfolgreich sind. Für die Frauen wird dieser Erfolg jedoch mit einer deutlich erhöhten Arbeitsbelastung erkauft. Eine Reduzierung der Belastung ist auch in Zukunft eher unwahrscheinlich. Der Zusammenhang zwischen den Auswirkungen des Projekts und "Gender" ist eindeutig. Zu Sabines Erstaunen zeigen jedoch weder die Projektmitarbeiter vor Ort noch die Organisation, die das Projekt unterstützt, weiterhin Interesse an der Studie, nachdem ihnen die Ergebnisse bekannt sind.

Karen Engman sucht nach genderspezifischen Unterschieden in der Art wie praktische Forstwirtschaft betrieben wird und zwar im Bereich der Läuterung/Jungbestandspflege. Dazu hat sie Fragebögen zur Jungbestandspflege verschickt. Im Moment ist sie noch in der Auswertungsphase. (Zum Schmunzeln am Rande: etliche -nicht angeschriebene- Ehemänner und Väter haben sich bei ihr gemeldet, um für Frauen und Töchter zu antworten, da diese es nicht könnten.) Unterstützt wird sie dabei von Janet Chasely, einer australischen Statistikerin, die im Augenblick an der SLU Gastprofessorin ist. Unglaublich, wie spannend Statistik sein kann. Janet legt dar, wie wichtig es ist, ein Vorhaben im Voraus zu skizzieren. Alles muß abgesichert und belegbar sein, vor allem in einem so umstrittenen Bereich wie Genderforschung. Es nützt absolut nichts, die richtigen Antworten auf die falschen Fragen zu haben.

Demografische Entwicklung und Gender

Als zweite Gastrednerin spricht Åsa Löfström zur demografischen Entwicklung in Schweden aus einer Genderperspektive. Der Trend vom Land in die Stadt ist in Schweden dramatisch, ebenso in Finnland und Norwegen. Alles zieht nach Stockholm, Göteburg und Malmö, oder wenigstens im kleinen in die Provinzhauptstädte. Programme zur Entwicklung im ländlichen Raum bedeuten daher nicht einfach die Subvention irgendwelcher unrentabler Landwirtschaften, sondern es geht darum, gegen die Entvölkerung ganzer Landschaften anzugehen. Wie auch schon im Vortrag von Barbro Wåger angeklungen, wird dabei mehr und mehr auf das Beharrungsvermögen von Frauen gesetzt. Genderansätze hier also sozusagen als letzte Rettung. Dazu paßt auch, was die Waldbesitzerinnen von einem Treffen in Lycksele (Lappland) berichten. Die regionale Forstverwaltung hatte eingeladen, sich zu einem Zukunftsworkshop zu treffen. Dort sollten Ideen entwickelt werden, wie Zukunftsalternativen zu bestehenden Konzepten aussehen könnten. Siebzig Waldbesitzerinnen nahmen teil, jede von ihnen aus der Sorge heraus, wie es weitergehen soll.

Arbeitsgruppen

Beide Tage dienen auch dazu, in Kleingruppen die zukünftigen Aktivitäten und Strategien der IUFRO-Arbeitsgruppe « Gender Research in Forestry » auszuarbeiten. Zum einen geht es darum, Strukturen zu schaffen und mit Inhalten zu füllen. Dazu zählt zum Beispiel der Newsletter auf der IUFRO Homepage. Als Arbeitsschwerpunkte für die weitere Forschung kristallisieren sich einige Punkte heraus. Dazu gehört, Beiträge und Teilnahme von Frauen an Forstwirtschaft aus einer historischen Perspektive zu entdecken und sichtbar zu machen. Verläßliches Zahlenmaterial über Anteil und Rolle von Frauen in der Forstwirtschaft fehlt fast überall. Inhalt und Nutzen « grüner » Nutzungspläne sollen aus der Sicht von Waldbesitzerinnen beurteilt werden. Wir brauchen Studien über den Einfluß von Frauen, die in Vorstandsetagen und Ausschüsse forstlicher Organisationen vorstoßen. Wir müssen unterschiedliche Strategien entwickeln, um forstliche Organisationen und Forstverwaltungen eine Genderperspektive nahe zu bringen. Möglichkeiten für Frauen, im Forstbereich als Unternehmerinnen tätig zu werden, sollen identifiziert und entwickelt werden.

Alle, die daran interessiert sind, über solche Fragen zu forschen, sind aufgefordert, das zu tun und sich dann auch mit der Arbeitsgruppe in Verbindung zu setzen.

Schwedische Praxis

Ein Einblick in die schwedische Praxis rundet das Seminar am Montag ab. Die Waldbesitzerin Desirée Sundquist Desirée hat zwei Kinder im Alter von 8 und 12 Jahren. Zusammen mit ihrem Mann bewirtschaftet sie einen Hof mit zwanzig Milchkühen. Vor allem im Sommer verschafft sie sich durch Urlaubs- und Wochenendvertretungen auf anderen Höfen ein zusätzliches Einkommen. Während der Wintermonate bewirtschaftet sie ihre 163 Hektar Wald; alleine, denn auch ihr Mann besitzt gut 100 Hektar, um die er sich kümmert.

Schon als Kind war Desirée am Wald interessiert und begleitete häufig ihren Vater. Von ihm hat sie auch einiges über Waldbewirtschaftung gelernt. Als er 1983 starb, erbte sie einen Teil des Waldes. Den Rest kaufte sie 1997 von ihrer Mutter und ihrer Schwester.

Gut 60 Prozent des Waldes sind Kiefer, etwa 20 Prozent Fichte, der Rest überwiegend Birke. Bei einem jährlichen Zuwachs von knapp 3 Festmeter je Hektar und Jahr arbeitet Desirée etwa 400 Festmeter Holz pro Jahr auf. Dazu geht sie an vier Tagen in der Woche in den Wald, solange es hell ist. Bis sie sich einen Forstschlepper leisten kann, vergibt sie die Rückearbeiten. Hinzu kommen noch etwa 4 Hektar Jungbestandspflege pro Jahr und eventuell notwendige Pflanzarbeiten. Der Wald ist nach PEFC zertifiziert.

Desirée ist bei den Waldbesitzerinnen der Waldeigentümervereinigung "Norra Skogsägarna" aktiv. Sie sitzt als Stellvertreterin im Leitungsausschuß der Waldbesitzerinnen. Angefangen hat dieses Engagement mit den Kursen zum Thema Forstwirtschaft, welche vom Netzwerk der Waldbesitzerinnen innerhalb von "Skogsägarna" für Frauen angeboten worden waren. Sie hat diese speziellen Angebote für Frauen geschätzt und wollte dann auch daran mitarbeiten, sie mehr Frauen zugänglich zu machen.

Handlungsfelder zum Thema Gender in der deutschen Forstwirtschaft

Zahlen, Daten, Fakten (gibt es zwar genug, es fehlt aber die geschlechterspezifische Aufschlüsselung. Die föderale Struktur sollte hier keine Ausrede sein):

  • Anzahl, Anteil, Besitzgröße von Waldbesitzerinnen
  • Anzahl von Alleineigentümerinnen
  • Anzahl von Frauen in Forstunternehmen
  • Frauenanteile in den staatlichen, körperschaftlichen und privaten Verwaltungen, aufgeschlüsselt nach Beschäftigungsgruppen.
  • Frauenanteile in Hochschulen und forstlichen Ausbildungsstätten

EU-Programme, Strukturfonds

Arbeitsplätze und Arbeitsplatzabbau ländlicher Raum, Betroffenheit von Frauen

Begriffe:

Gender: Eine Übersetzung von gender (sprich: dschender) ins Deutsche ist in einem Wort nicht möglich. Die englische Sprache verfügt über einen Begriff (sex) für die weltweit gleichen biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen, und einen Begriff (gender) für die sozialen und kulturell definierten Unterschiede, die erlernt werden, sich ändern können und sowohl innerhalb der einzelnen als zwischen den Kulturen sehr unterschiedlich sind. Gender bezeichnet also die soziale und kulturelle Geschlechterrolle in der jeweiligen Gesellschaft.

Gender Mainstreaming: Gleichstellung der Geschlechter bedeutet, daß alle Menschen ihre persönlichen Fähigkeiten entwickeln können, ohne durch geschlechterspezifische Rollen eingeschränkt zu werden. Unterschiede im Verhalten, in den Zielsetzungen und Bedürfnissen werden gleich bewertet und gefördert. Um Benachteiligungen der Vergangenheit und Gegenwart auszugleichen, können sich Ungleichbehandlungen und Förderungen als notwendig erweisen. Gender Mainstreaming geht einen Schritt weiter. Über die Sondermaßnahmen der Frauenförderung hinaus soll die Dimension der Chancengleichheit in sämtliche politischen Konzepte und Maßnahmen eingebunden werden - in alle Planungs-, Durchführungs-, Überwachungs- und Bewertungsphasen.

Relevanz des sozialen Geschlechts: Genderbedingte Unterschiede sind struktureller Art und betreffen die gesamte Bevölkerung. Weder Männer noch Frauen können wie eine von vielen, spezifischen Interessengruppen behandelt werden. Politiken, die als geschlechtsneutral erscheinen, können bei näherer Betrachtung ihren unterschiedlichen Einfluß auf Männer und Frauen zu erkennen geben. Warum? Weil das Leben von Männern und Frauen in den meisten Bereichen des öffentlichen Lebens substantielle Unterschiede aufweist; Unterschiede, die dazu führen können, daß offensichtlich neutrale Politiken Männer und Frauen in unterschiedlicher Weise beeinflussen und die bestehenden Ungleichheiten noch verstärken.